Gundel Busch: Von Musik, Malerei und Hühnern

ein Portrait von Mona May

Heute habe ich das große Vergnügen, im Rahmen meines Goethe ist tot – wir leben Projekts, eine Künstlerin vorstellen zu dürfen, die nicht nur auf eine bewegende Lebensgeschichte, sondern auch auf ein beachtliches Werk zurückblicken kann. Sie verfügt über eine exzellente Beobachtungsgabe und über mehrere ganz besondere Talente, die sie Dank ihrer unerschöpflichen Kreativität auch auszudrücken und umzusetzen vermag.

Seelenreise

Denn, wenn eine Person eine so gebündelte kreative Kraft, wie das bei Gundel Busch der Fall ist, ihr eigen nennen kann, hat diese ja oft Mühe damit, mit sich selbst Schritt halten zu können. Nicht so bei Gundel Busch. Sie hat einen enormen künstlerischen Output und mit jedem ihrer Werke schenkt sie der Welt etwas Lebendiges. Es scheint fast so, als würde in jedem ihrer Bilder die Seelengeburt eines mythischen Wesens stattfinden. Kein Wunder also, dass uns ihre Bilder, in die oft weit entlegenen eigenen Seelengegenden entführen und sie uns dadurch zutiefst berühren und bewegen können. Es sind diese archaischen Bilder, die in uns beim Betrachten ihrer Werke abgerufen werden und die Zeugnis davon ablegen, dass es in uns allen etwas gibt, das sich fern von unserem Alltag nach einem vertrauten Urgrund und gleichzeitig nach Öffnung für das Neue sehnt.

Bewusstseinsschulung

Neben ihrer gestalterischen Vielfalt und den ungewöhnlichen Materialien, die Gundel Busch einsetzt, besticht vor allem ihre Gabe, Naturalistisches mit Abstraktem oder nur Angedeutetem zu verbinden. Ich empfinde das als äußerst reizvoll, denn dies führt die Künstlerin immer wieder zu etwas völlig Eigenem und Neuem, und auch unsere Sinne werden dadurch in einer speziellen Art und Weise angeregt. Ihre Bilder und Collagen konfrontieren uns einerseits mit Vertrautem und andererseits mit Überraschendem, was unsere Wahrnehmung auf das subtil Hintergründige und auf das für uns kaum Wahrnehmbare lenkt, wodurch unser Bewusstsein hervorragend geschult wird. Unter Umständen können wir sogar einen Perspektivenwechsel wagen, weil wir in dem uns Vertrauten plötzlich Neues und Unentdecktes finden.

Vielleicht können wir die Botschaften, die ihre Werke bereithalten, intellektuell nicht fassen, aber das ist vielleicht gut so, denn mehr denn je bedürfen wir einer lebendigen, von innen heraus kommenden Kunst, die uns an unsere Verwurzelung, an unser eigenes inneres Sein er-innert, die uns gleichsam vorsichtig an der Hand nimmt, um uns tief hinunter in unser Unterbewusstsein zu geleiten.

Tür zum Selbst

Ihre Bilder können nicht einfach oberflächlich und im Vorbeigehen konsumiert werden und nach dem Augenschmaus lehnen wir uns gesättigt zurück. Nein, das geht nicht, denn in ihnen findet eine Eigen-Begegnung statt, etwas öffnet sich und berührt uns an Stellen, die wir sonst gerne vor uns selbst verbergen. Indem wir den dunklen Raum des Unterbewusstseins betreten, fällt das Licht des Bewusstseins auf unsere Verletzungen. Wenn wir den Mut haben hinzusehen, dürfen in diesem Licht unsere Verwundungen heilen und darf lang ersehnte Versöhnung geschehen, zu diesem Mut lädt uns die Künstlerin mit ihren Werken ein.

Wenn wir der Einladung der Künstlerin folgen und wir uns auf ihre Werke einlassen, hm, wie soll ich das jetzt am besten ausdrücken? Kohärenz!? Ja, das ist der stimmige Begriff: „Dann erleben wir Kohärenz.“  Allen, die sich jetzt fragen, was ich damit sagen will, dient vielleicht diese kurze Erläuterung: „Das, was wir im Außen sehen, geht in Resonanz mit unserem inneren Erleben, wodurch wir einen Zustand der Stimmigkeit erfahren, der wiederum eine beruhigende und heilende Wirkung auf uns hat.“

So, genug der Analyse, ich lasse jetzt die Künstlerin selbst zu Wort kommen.

Das Interview:

Mona May: Meine erste Frage an dich, bezieht sich auf deine Herkunft: Wo und wann wurdest du geboren und kannst du ein wenig das Milieu beschreiben, in dem du aufgewachsen bist?

Gundel Busch: Ja, sehr gerne, ich wurde am 22. Juli 1956 im Bergischen Land, das ist eine Region in Nordrhein-Westfalen (D) in einer Kleinstadt geboren, ich bin also gebürtige Rheinländerin. Ich war die vierte Tochter und meine Eltern waren sehr enttäuscht, als sie sahen, dass es schon wieder ein Mädchen war. Mein Vater hatte eine Gärtnerei und ich wuchs mit meinen Eltern, den Großeltern und meinen drei großen Schwestern in einem Haus mit großem Garten auf.

Wir vier wurden zwar stark in Richtung Autonomie und beruflichen Erfolg erzogen, als Nachzüglerin und da man es bei dem vierten Kind mit der Erziehung dann doch nicht mehr ganz so genau nahm, genoss ich sehr viel Freiheit und konnte unbeobachtet schon früh meinem Drang zu experimentieren nachgehen.

So hatte ich zum Beispiel in dem großen Garten einen riesigen Sandhaufen, in dem ich nach Herzenslust mit Wasser manschen und gatschen konnte oder ich habe meine Kinderzimmertür auf dem Dachboden selbst gestrichen. Außerdem gab es auf dem Dachboden eine Unmenge an herrlichen alten Sachen, worin ich stundenlang ungestört stöbern konnte. Oder ich habe, begeistert von der Musik, die ich auf Radio Luxemburg hörte, die Seidenstrümpfe meiner großen Schwestern genommen, sie an meinem Schlüpfer befestigt, dann vier Röcke übereinander angezogen, um wie eine Ballerina auszusehen, um anschließend das Wohnzimmer mit voller Lautstärke zu beschallen und voller Freude zu tanzen. Ich tanze noch immer wahnsinnig gerne. Tanzen hält jung und macht schön. Als klassische bürgerliche Tochter bekam ich ab meinem sechsten Lebensjahr Klavierunterricht und genoss diesen bis zu meinem fünfzehnten Geburtstag.

MM: Danke für diesen netten Einblick in deine Kindheit, wann hast du dann bemerkt, dass es dich zur bildenden Kunst zieht?

GB: Kreative Tätigkeiten durchziehen mein ganzes Leben, aber es sollte ein wenig dauern, bis ich zur Malerei fand. In den neunziger Jahren ließ ich mich zur Spiel- und Theaterpädagogin ausbilden. 1995 segelte meine gesamte Ausbildungsgruppe als Theatercrew mit einem alten Plattbodenschiff in Holland von Insel zu Insel, um Straßentheater zu machen. Später gründete ich in Münster/Westfalen die Kindertheatergruppe „Feirefiz“, entwickelte ein Kindertheaterstück, womit meine Kollegin und ich dann durch die Kindergärten tingelten. Außerdem spielte ich in Münster in einigen Improvisationstheaterstücken mit und da ich immer neugierig bin und es liebe, mich mit neuen Dingen zu beschäftigen, begann ich in Münster auch die Kunst des Bajanspielens zu erlernen.

MM: Das klingt nach aufregenden Abenteuern und spannenden künstlerischen Entdeckungs- beziehungsweise Erkundungsreisen, um die eigenen Fähigkeiten und Talente zu erforschen, wie ging es danach weiter?

GB: Ja, das stimmt, diese Zeit war sehr wichtig, ich lernte eine Menge über mich, das Leben und die Menschen. Es kam dann ein wenig anders als geplant, ich heiratete und war insgesamt zweiunddreißig Jahre verheiratet. Aber zwischen 2008 und 2012 wurde mein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Aus dieser Ehe stammen zwei erwachsene Söhne, ich habe auch ein kleines Enkelkind, ein wunderbares Geschöpf. Das ist Freude pur.

Mein Ex-Mann und ich kommen beide aus Sozialberufen. Er hatte hier in Freiburg eine Professur inne, während ich Lehraufträge an der Hochschule hatte, zudem arbeitete ich als Hypnosystemische Therapeutin und Familienmediatorin in einer Einrichtung, die zwischen zerstrittenen Scheidungseltern vermittelt.

Ich dachte, dass wir eine gute Ehe führten, doch dann verliebte mein Mann sich in eine neue und blutjunge Professorin, mit der er eine heimliche Beziehung unterhielt. Das ist eine sehr lange und traurige Geschichte, die ich mittlerweile zwar verarbeitet habe, die aber immer Teil meines Lebens sein wird. Auf jeden Fall war das ein Schock für mich und in der Zeit der Offenlegung wurde ich sehr krank.

So konnte ich über zwei Jahre wegen Schwankschwindel weder Auto- noch Fahrradfahren, hinzu kamen ein Hörsturz, Tinnitus, mehrere Klinikaufenthalte, die Scheidung samt Immobilienverkauf. Die damit verbundene Berufsunfähigkeit zwang mich, mein ganzes Leben komplett neu auszurichten und neu zu gestalten.

MM: Danke, liebe Gundel, für deine Offenheit, ich bin sehr beeindruckt davon, wie du diese schwere Zeit gemeistert hast und finde das hat eine große Vorbildwirkung.

Oh, danke, ich sehe das Leben generell als einen lebenslangen Lernprozess und so kann ich rückblickend sagen: Ja, ich bin 2012 an meinen alten Vorstellungen gescheitert, aber Gott sei Dank, denn es war gut so, dadurch kam ich aus der Komfortzone heraus, das war zwar äußerst schmerzhaft, aber es hat mich um einiges lebendiger gemacht. Jetzt ist mein Leben erfrischend lebendig, weil ich von innen heraus lebe und froh bin, dass diese alte Blase geplatzt ist. Und diese Lebendigkeit möchte ich immer fühlen und gegen nichts mehr eintauschen. Das ist mein Lebensmotto geworden.

MM: Hast du in dieser Zeit mit dem Malen begonnen?

Ja, genau in dieser Zeit lud mich meine älteste Schwester regelmäßig zu Malkursen nach München ein. Da merkte ich, dass es mir damit genauso ging, wie mit der Theaterarbeit: es ging mir leicht von der Hand und erfüllte mich mit tiefer Freude. Mit meiner Neugierde bin ich offen für das Erlernen neuer Techniken. Ich liebe es einfach, mich weiterzuentwickeln. Erfahrungen zu sammeln, mich mit anderen auszutauschen, neues Wissen und Informationen aufzunehmen, ja, das entspricht ganz meinem Wesen und meinem Leben.

Und es gibt ja auch einige Verknüpfungen zwischen meinem alten und neuen Berufsleben, so fließen zum Beispiel viele meiner Erfahrungen mit zwischenmenschlichen Begegnungen in meine Bilder ein. Ich habe mich in gewisser Weise neu gefunden. Ein beamteter Psychologe sagte einmal zu mir: „Du hast es gut, du kannst dir eine neue Identität aufbauen, ich muss bis zu meiner Rente immer das Gleiche tun.“

MM: Abgesehen von den Malkursen, welche Vorbilder prägten dich, welche Ausbildungen hast du absolviert, welche Lehrer und Lehrerinnen waren wichtig für dich?

GB: Meine Großmutter war ein wichtiges Vorbild für mich, sie hat drei von ihren vier Kindern verloren, ihr Mann ging zwei Mal bankrott und sie musste als Schneiderin für den Unterhalt sorgen, aber sie war immer fröhlich und hilfsbereit. Von meinen zwei Musiklehrern,dem Saxophonisten Dieter Gutfried und dem Pianisten Stephan Waldmann, lernte ich viel, zum Beispiel, wie wichtig das Horchen ist, es ging darum, immer wieder in die Musik hineinzuhorchen und sich vom Gehör, anstatt von den Noten, leiten zu lassen. Der Hypnosystemiker und Schüler von Milton Erickson, Gunter Schmid, ist bis heute ein Vorbild für mich. Ich war in Heidelberg sehr gerne seine Schülerin. Er ließ Respekt, Warmherzigkeit und einen wohlwollenden Humor immer in seine Arbeit mit einfließen.

Und Ausbildungen? Na ja, ich habe in Wuppertal eine Erzieherausbildung gemacht, Sozialpädagogik, Erziehungswissenschaft und Ethnologie studiert, in Düsseldorf, Marburg an der Lahn und Tübingen. Wurde zur Spiel- und Theaterpädagogin mit sechshundert Stunden Umfang in Westfalen ausgebildet, bin als hypno-systemische Therapeutin in Freiburg und Heidelberg innerhalb von vier Jahren ausgebildet und zur Familienmediatorin in Konstanz, ebenfalls vier Jahre lang, im Bereich Musik in Bajan, Klavier und Altsaxophon und ich habe, wie ja bereits erwähnt, viele Malkurse besucht.

MM: Zurück zu den Malkursen, die dir also den Weg zur bildenden Kunst ebneten, kannst du ein wenig darüber erzählen, wie du arbeitest und wie deine Bilder entstehen?

GB: Ja, sehr gerne, zu meiner Maltechnik kann ich nur sagen: Ich mag es, viele Schichten aufzutragen, weil das Leben immens vielschichtig ist und es sich uns in dieser Vielschichtigkeit präsentiert. Es ist für mich so, wie es in dem, von den amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham entwickelten, JOHARI-Fenster beschrieben ist: Es gibt Dinge, die sind offensichtlich. Dann gibt es Dinge, die mir bekannt sind, aber anderen nicht. Dann gibt es die Dinge, die andere in mir sehen, die ich selbst aber nicht sehe. Und zuletzt gibt es Geheimnisse, die weder mir, noch einer anderen Person bekannt sind. Dort beginnt der Glaube, dort beginnt das Wunder. All das arbeite ich in meine Bilder hinein. Das ist für mich, wie der Blick in die Wolken, wenn figürliche Wolkengebilde unsere Fantasie beflügeln.

Und wie schon gesagt, bin ich ein sehr neugieriger Mensch. Ich beobachte gerne und liebe Variationsfülle. Manches ist nicht durch Sprache vermittelbar, Farben, Strukturen, Anordnungen von Elementen können etwas ausdrücken, das von Herz zu Herz geht. Meine Kunst ist sehr persönlich, sie ist ein Teil von mir, meine Werke sind meine „Babys“. In ihnen steckt meine Hingabe, meine Energie, mein Wissen drin.

Vielseitigkeit ist auch noch so ein Stichwort. Ich mag die Weite, und die Offenheit im Denken. Und die Veränderung, wenn sich nichts tut, dann beginne ich Möbel zu verrücken oder ich improvisiere auf dem Klavier oder male und beschäftige mich mit einem neuen Thema. Ich bin immer voller Energie, genieße aber auch die Stille in der Natur und beim Meditieren.

Ich möchte verstehen, warum ich hier, auf der Erde bin, dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie kurz doch diese Zeit ist, die wir hier verbringen. Mit meinem Hintergrund als Hypnosystemikerin, habe ich mich daher viel mit der Quantenphysik beschäftigt, Heisenberg gelesen, Heinz Förster und Ernst von Glasersfeld, die beide Vertreter des Radikalen Konstruktivismus sind. Ich bin fasziniert von der Tatsache, wie nahe die Physik dem Spirituellen kommt, auch was für eine starke Einflussnahme auf die Wirklichkeit der subjektiven Wahrnehmung, also dem/der Beobachter/in, zugeschrieben wird. So hieß dann auch meine Ausstellung 2010, die im Demeter-Winzerhof Vorgrimmler in Freiburg stattfand WIR ERFINDEN UNSERE WIRKLICHKEIT.

MM: Kannst du etwas über die Wahl deiner Motive erzählen und wie deine „Kunst-Werk-Serien“ entstehen?

GB: Meine Arbeiten sind an Themen gebunden und diese Themen haben mit meinem Leben zu tun. Musik fließt, Malerei hält fest. Wenn du einen Ton spielst, ist er gleich fort. So wie das Leben, ist in der Musik alles in Bewegung und im Wandel. Und manche Augenblicke des Lebens, manche Gefühlsmomente sind so schnell vorbei und man möchte sie noch einmal anschauen. Genau diese Emotionen möchte ich in meinen Werken festhalten.

Musik, Tanz, Schlaf, Weiblichkeit, Lebensgefühle und Emotionen und die Frage, woher wir unsere Energie schöpfen, das sind Themen aus meinem Leben. Und da wir alle Menschen sind, sind es in der einen oder anderen Weise die Themen aller.

Mein Stier-Projekt begann zum Beispiel mit der Liebe zu einem im Tierkreiszeichen Stier geborenen Menschen, da ich aber auch Ethnologie studiert habe, floss natürlich auch die mythologische Bedeutung des Stieres in diese Serie ein. Mir ging es in diesem Projekt darum, die unterschiedlichen Emotionen, die diese Liebe begleiteten, festzuhalten.

Oder mein Projekt LEBENSTAGE, das mit dem Altern und der Frage, was Zeit für uns bedeutet, zu tun hat? Wie konstruieren wir Zeit? Und wie gehen wir mit ihr um?

Ich habe meine bisherigen Lebenstage gezählt und jeweils einen Strich für jeden Tag gemacht. Das sind eine Menge Striche: wofür habe ich sie genutzt, diese Zeit? Des Weiteren habe ich die Lebenstage von Charlie Parker gezählt. So jung ist er gestorben und hatte so eine gewaltige Begabung. Auch hier spielt der Zusammenhang mit meinem Leben eine Rolle. Denn ich nehme seit fünf Jahren Saxophon-Unterricht und lerne das Improvisieren. Auch habe ich die Tage von den Kindern meiner Oma gezählt, drei ihrer Kinder sind ja sehr jung gestorben. Ein Leben! Und so schnell ist es ausgehaucht.

Wenn ich an einem Thema arbeite, beschäftige ich mich intensiv damit, lese darüber, recherchiere und reflektiere meine Erfahrungen, die ich damit gemacht habe.

Nach Aufenthalten in mehreren Städten in Deutschland, wohne ich seit über zwanzig Jahren in der Nähe von Freiburg im Breisgau und dort nun seit drei Jahren auf dem Land in einer Ansiedlung mit wenigen Häusern und viel Wald. Hier fühle ich mich sehr wohl und genieße mein Leben mehr denn je, auch deswegen, weil dadurch weitere Inspirationen und Themen in mein Leben kommen. Eines davon sind die Hühner, die ich im Sommer hier hüte, es sind vierzehn Hühner und drei Hähne. Die Zweibeiner führen hier ein entspanntes Leben und können machen, was sie wollen, jedenfalls sind sie der Anlass gewesen, die Hühnergalerie zu gründen. Sie sterben ja hier an Altersschwäche oder weil der Fuchs sie holt, das Federvieh hat bei uns viel Freiraum und ich verbringe also wirklich viel Zeit mit ihnen und kann tagtäglich erleben, was das für Individualisten sind. Ich könnte stundenlang von urigen Geschichten aus der Hühnerwelt berichten, zum Beispiel sind manche Mütter unter ihnen fürsorglich und kümmern sich gut um ihre Küken. Eine andere Mutter hingegen hat einfach die Nase voll, nachdem sie einundzwanzig Tage auf den Eiern gesessen ist und sucht ihre Freiheit. Da kann es passieren, dass die Küken erfrieren oder von den anderen Hühnern tot gebissen werden.

Neben Acryl habe ich in dieser Reihe viel mit Rost gearbeitet, als Ausdruck für die Wechselwirkungen in der Natur. Sobald es warm wird, schlafe ich draußen, eines nachts hörte ich vom nahen Wald ein Bellen. Ich erfuhr, dass Rehe und Füchse so bellen. Hier auf dem Land bekommst du Kontakt zu den Jägern und ich habe viel über die Waldtiere erfahren dürfen. Solche Informationen inspirieren mich für meine Bilder, so ist auch meine Reihe „Die WALDMUSIKANTEN“ entstanden.

Ich liebe es, mit nur wenigen Farben zu arbeiten und mit ihren vielen Nuancen zu spielen. Der Maler Alexander Jeanmaire, der ein Meister der Abstraktion ist, berichtete einmal, dass er bei seiner Abschlussprüfung aus nur zwei oder drei Farben, sowie schwarz und weiß zweiundfünfzig Nuancen herstellen sollte. Das sind für mich Vorbilder und Herausforderungen, mit denen ich mich gerne beschäftige.

Ich bin Autodidaktin, so wie Paul Cèzanne, Max Ernst und van Gogh und sage mir, dass eine Leidenschaft im Alter genauso effizient sein kann, wie ein Kunststudium in der Jugend.

MM: Mit dieser Aussage befindest du dich allerdings in bester Gesellschaft, denn die berühmte Malerin Grandma Moses, eine der Ikonen der Naiven Malerei, fing erst mit fünfundsiebzig Jahren mit dem Malen an, sie wurde, vielleicht auch Dank ihrer Liebe zur Kunst und zu den Menschen, über hundert Jahre alt. Du hast ja um einiges jünger damit begonnen, also ich bin gespannt, womit du uns noch überraschen wirst. Ich würde gerne noch von dir erfahren, ob du von deinem Kunstschaffen leben kannst und wie sich deine Einkommenssituation vor allem jetzt, während der Pandemie, gestaltet?

Oh, danke, was für ein schönes und Mut machendes Beispiel.

Zu meiner Einkommenssituation: Aufgrund meiner Erkrankungen beziehe ich zwar eine kleine Rente und das ist zumindest eine Basis, daher bin ich natürlich auch am Verkauf meiner Bilder interessiert. Zudem ist Kunst nicht „nur“ ein privates Vergnügen, sondern ein wertvoller gesellschaftlicher Beitrag, der mit Arbeit und Produktionskosten verbunden ist. Meine Bilder werden in Galerien, aber auch in Restaurants, Anwaltskanzleien und Ferienhäusern ausgestellt und ich schätze mich glücklich, wenn jemand eines meiner Werke ersteht.

Die Pandemie bedeutet für mich Wandel und da das Leben immer im Wandel ist, macht mir das keine Angst. Wohin wir auch schauen, es gibt immer wieder einschneidende Veränderungen, das kann Fortschritt, aber auch Rückschritt bedeuten, aber der Wandel ist gewiss. Daher nutze ich die Pandemie, um kreativ zu sein und Neues zu erschaffen, so bin ich quasi vorbereitet auf die Zeit nach der Pandemie.

Es haben sich auch für die Zukunft einige neue Verkaufs- und Ausstellungsmöglichkeiten angeboten, über die ich mich sehr freue.

MM: Du hast zwar weiter oben schon einiges über deine augenblickliche Lebenssituation und dein Lebensgefühl anklingen lassen, aber gerne würde ich noch etwas mehr darüber und vor allem über deine Hoffnungen, Ambitionen, Ziele und deine Pläne für die Zukunft erfahren?

Ich lebe ein Leben in Fülle, ich male täglich, spiele täglich Klavier und Altsaxophon und erfreue mich an der großen Welt der Musik. Die Harmonielehre fasziniert mich und ich komponiere gerne eigene Lieder.

Mein Ziel? Das ist ganz einfach: Freude in die Welt zu bringen. Wann immer mir das gelingt, fühle ich mich beschenkt. Wobei Ziele ja nur die Richtung vorgeben, auf dem Weg dorthin, kann sich vieles ändern, solange sie sich aber im Herzen gut anfühlen, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin und das fühlt sich großartig an. Genauso wundervoll ist es, wenn Menschen meine Bilder ansehen und eine Verknüpfung zu ihrem eigenen Leben herstellen, wenn sie sich an ihre eigenen Gefühle und Erlebnisse oder an schöne Begegnungen erinnert fühlen.

Aktuell lebe ich alleine mit meinen zwei Katzen. Eine wunderbare Liebesbeziehung, die fünf Jahre dauerte, ist jetzt vorbei, nicht die Liebe, nur die Beziehung. Aber ich fühle mich nicht alleine, denn ich pflege mit meinem kleinen Freundeskreis seit jeher einen tiefgehenden Austausch, der für mich eine große Bereicherung für das Herz und den Verstand ist. Und als Rheinländerin spielt der Humor eine wichtige Rolle in meinem Leben, er ist ja dazu da, um über den Tellerrand zu blicken.

Ich bin für so viele Dinge dankbar, zum Beispiel dafür, dass ich Augen habe, weil ich so gerne lese. Jeden Morgen lese ich bei einer Kanne Tee mindestens ein bis zwei Stunden. Und wenn ich bei Menschen auf Resonanz stoße, wenn Gespräche nicht aus einem Downloaden von leeren Inhalten bestehen, sondern durch sie neue Ideen kreiert werden, wenn Menschen sich schöpferisch unterstützen und kooperieren und ich dazu beitragen kann, dann ist damit auch eines meiner großen Ziele erreicht.

Infos:

Website: www.gundelbusch.art (diese Website ist gerade am Entstehen)

Facebook: https://www.facebook.com/gundel.busch.art

Instagram: https://www.instagram.com/gundelbusch/

Please follow and like us:
error

Author: Mona May

2 thoughts on “Gundel Busch: Von Musik, Malerei und Hühnern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.