werkraumtheater: Bühne frei für Pataphysisches

Seit beinahe fünfundzwanzig Jahren ist das werkraumtheater ein fester Bestandteil der Grazer Kunst- und Kulturszene. 1995 von Akrobat und Stuntman Franz Blauensteiner und der aus dem Tanz kommenden Rezka Kanzian als Uraufführungstheater gegründet, bietet die kleine Offbühne in der Glacisstraße, Theater abseits des Mainstreams. Dramaturgin und Geschäftsführerin Rezka Kanzian erzählt uns mehr darüber:

„Ich habe in Graz Volkskunde studiert und daneben privat eine Schauspielausbildung gemacht. In der freien Szene habe ich dann Franz Blauensteiner getroffen. Gemeinsam haben wir das werkraumtheater gegründet. Die erste Aufführung war kein reines Sprechtheater, sondern eine Kombination aus Schauspiel, Tanz und Akrobatik. Unser Zugang war mehr vom Körper her.“

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Alles selbst gemacht

Seither hat sich das kleine Theater hauptsächlich der Aufführung von Eigenproduktionen verschrieben. Zum 20jährigen Jubiläum stieß das Künstlerpaar Kanzian und Blauensteiner auf eine besondere Quelle der Inspiration:

2015 suchten wir nach einem besonderen Stück, dabei ist uns König Ubu von Alfred Jarry in die Hände gefallen,“ so Kanzian. „Dieses Stück ist ein Klassiker der Groteske, ein absurdes Theaterstück über zwei abgehalfterte Adlige, die sich wieder nach oben arbeiten. Damit begründete Jarry die Pataphysik und wir fanden darin eine künstlerische Heimat:“

Alfred Jarry und die Pataphysik

Pataphysi, eine Art Parodie auf die Metaphysik, sowie ein philosophisch-humoristisches Konzept, bildet seither die Basis für die Stücke im werkraumtheater. Die von Alfred Jarry erfundenen Figuren König und Königin Ubu wurden von Blauensteiner und Kanzian weiterentwickelt. So entstand sozusagen eine ganze Familie Übü die seit 2016 nun ihre Abenteuer auf den Brettern des kleinen Theaters erleben. „2016 führten wir das Stück Übüs in Ketten auf. 2017 begannen wir eine Stücke – Serie zu kreieren, deren zentrale Figuren die Übü-Familie darstellt,“ geht Rezka Kanzian ins Detail. „Die Übüs sind pataphysische Figuren, also humorvoll, aber ohne Schenkelklopfer. Sie bieten einen anderen Blickwinkel, zum Beispiel auch auf historische Ereignisse.“

Neuer Blick durch alte Augen

Aktuell wird das Stück Die Übüs in – Der Klassenabend unter der Regie von Franz Blauensteiner aufgeführt. Diesmal tauchen die Charaktere in die Welt der Musik ein:

Das Stück Klassenabend ist ein historischer Streifzug aus der Sicht des Tramps eng verwoben mit der Geschichte des Blues,“ so Kanzian, die sowohl als Schauspielerin auf der Bühne steht, als auch als Dramaturgin verantwortlich zeichnet. „Beim Musikstil haben wir uns an Joe Hill orientiert, der sowohl ein Tramp war, als auch ein Vorkämpfer für Arbeiterrechte und einige bekannte Lieder komponiert hatte. Auch Joan Baez hat ihn bereits besungen“

Die anderen Seiten

Neben der Übü – Stückeserie hat das werkraumtheater aber auch noch eine weitere Spezialität auf dem Menü. Unter dem Titel Die anderen Seiten finden seit nunmehr 10 Jahren „Nachbarschaftshappenings“ statt. Dabei treten slowenische Künstler und Künstlerinnen auf und sollen so einem österreichischen Publikum vorgestellt werden. Ein Projekt, das Rezka Kanzian persönlich am Herzen liegt: „Ich bin ja eine Kärtner Slowenin und zweisprachig aufgewachsen. Den ganzen Ortstafelstreit in Kärnten hab ich miterlebt. Irgendwann habe ich festgestellt, das slowenische Künstler in Österreich kaum jemand kennt. Die anderen Seiten sollen das ein bisschen ändern.“

Kanzian selbst hat auch bereits Gedichtbände in slowenischer und deutscher Sprache veröffentlicht, die über den Panelhaus – Verlag erhältlich sind und für die sie bereits einen Preis erhielt.

Das liebe Geld

Doch auch das werkraumtheater bleibt nicht von dem Problem verschont, das wohl fast alle Theater in Österreich plagt: der chronische Mangel an Geld. Die Förderungssituation ist immer sehr prekär,“ seufzt Rezka Kanzian. „Wir bekommen zwar eine Landesförderung, aber ich muss nebenbei 20 Stunden im Kabarettarchiv arbeiten, um über die Runden zu kommen. Auch Franz muss einer regulären Arbeit nachgehen. Unsere Übü-Stücke sind zwar ganz gut besucht, aber auch das reicht nicht. Die Leute sind überhaupt wenig interessiert am Theater. Eine große Hürde für uns ist auch die PR-Arbeit. Dafür fehlt uns einfach die Zeit.

Hinter dem Vorhang

Überhaupt sieht Rezka Kanzian die freie Kunstszene eher kritisch:In der Off-Szene herrscht immer ein großer Druck,“ sagt sie. „Man muss ständig neues produzieren, kommt dabei aber kaum über die Runden. Dabei wäre ein Entwicklungsprozess von einem Jahr für ein Stück ideal, die Zeit hast du aber nicht. Auf der Bühne wird die große Menschlichkeit ausgerufen, hinten dran kommt aber schon das Prekariat. Das ist einfach die Realität der Bühne. Die Arbeitsbedingungen sind heftig, die Künstler aber schlecht bezahlt. Das zieht sich durch alle Ebenen, von der Technik bis zur Regie. Was mich dabei am meisten stört, ist das die Theater dabei alle mitmachen.“

 http://www.werkraumtheater.at

Fotos: K. P. Prem 

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Author: Christian Handler

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