Miriam Strasser: Im Multiversum der Kunst

ein Potrait von Mona May

Vor ein paar Wochen machte mich der junge, aus Afghanistan stammende Autor Ibrahim Rahimi, auf den neuesten Kurzfilm einer Künstlerin aufmerksam. Der Film trägt den Titel „Opus Mundi“. Was für ein Werk! Denn der Film, der nicht nur inhaltlich und künstlerisch Top ist, sondern auch formal einiges zu bieten hat, obwohl er fast ohne Budget produziert wurde, fesselte mich so sehr, dass ich neugierig wurde. Also bat ich Ibrahim Rahimi kurzerhand, er möge mich doch mit der Künstlerin bekannt machen, damit ich über sie berichten könne.

Gesagt, getan und nun habe ich das große Vergnügen, Euch im Rahmen meines Projektes GOETHE IST TOT – WIR LEBEN das außergewöhnliche künstlerische Multitalent Miriam Strasser vorstellen zu dürfen.

Aus dem Leben

Einsteigen möchte ich mit ein paar prägnanten biografischen Eckdaten, die schon alleine für sich genommen einen deutlichen Hinweis auf die breitgefächerten Talente der Künstlerin geben: Miriam Strasser ist 1987 in Wien geboren, sie studierte zuerst Biologie und schloss das Studium 2014 mit einem Bachelor of Science ab. Zwischen 2014 und 2018 lebte sie in Spanien. Dort absolvierte sie Ausbildungen in Clownerie („La Estupenda“), gestischem Theater („Nouveau Colombier“) und Butoh Tanz („Espacio en Blanco“) und arbeitete unter anderem mit den Gruppen „Cia. Mimox-Teatro“ (physical theater) und „The Physical Poets“ (Butoh Tanz) zusammen. Sie ist Mitbegründerin des offenen Kunsthauses „La Experimental“ in Barcelona und lebt seit 2018 wieder als freischaffende Performance-Künstlerin und Kulturvermittlerin in Wien. Außerdem spielt sie leidenschaftlich gerne Saxofon. Des Weiteren ist sie Gründungsmitglied und Vereinsobfrau des „International Clown Lab Vienna“ mit zentraler Vereinstätigkeit im Theater Olè und Mitglied des C³-Zirkuskollektivs, welches das Projekt „VarietEKH“ in Wien betreibt.

Und wer verbirgt sich nun als Mensch und Künstlerin hinter diesen biografischen Eckdaten? Mit den folgenden bewegenden Worten erzählt uns Miriam Strasser, wie sie aufwuchs und wie sie zu der wurde, die sie heute ist:

In eigenen Worten

Ich wollte schon mit zwei Jahren unbedingt auf der Bühne stehen. Meine Mutter musste zu diesem Zweck immer einen großen Koffer herbeiholen, auf den ich mich dann stellte, um darauf zu spielen, was ich sehr genoss. Auf dieser Kofferbühne sammelte ich meine ersten darstellerischen Erfahrungen.  Ich war ein ausgesprochen neugieriges und wissbegieriges Kind und stellte viele Fragen, weil ich die Welt um mich herum begreifen wollte. Darin wurde ich auch bestätigt. Auch das Sprechen lernte ich sehr früh und sobald ich die Sache mit dem Schreiben durchschaut hatte, schrieb ich meine eigenen Geschichten.

Engagiertes Kind

Vielleicht ist auch von Interesse, dass ich tatsächlich schon als kleines Kind so etwas wie ein politisches Bewusstsein hatte. So wollte ich zum Beispiel als Sechsjährige meinen Großvater, der Einwanderer war, davon überzeugen, nicht mehr die FPÖ zu wählen. Und mit zehn Jahren gründete ich gemeinsam mit einem Klassenkollegen die „Ökolis“, unsere Gruppe traf sich einmal in der Woche, um über Medien und Politik zu diskutieren, die in unseren Augen keine nachhaltigen Entscheidungen traf. Auch versuchten wir unter anderem unseren KlassenkollegInnen die Aluminiumdosen auszureden, gingen regelmäßig durch die Stadt, um die öffentlichen Grünflächen von Müll und anderem Unrat zu reinigen. Und wir fanden, dass „Die Grünen“ es als einzige Partei Wert seien, gewählt zu werden. Also das Künstlerische und das Politische gehörten für mich bereits in sehr jungen Jahren untrennbar zusammen. Obwohl ich auch sehr früh, durch das Gefühl ständig gegen Windmühlen kämpfen zu müssen, politisch völlig ausgebrannt war. Das änderte sich erst wieder, als ich mit der „Clandestine Insurgent Rebel Clown Army“ in Berührung kam. Dadurch fand ich wieder die Motivation und einen Sinn darin zum Beispiel auf Demos zu gehen und mich politisch zu engagieren.

Der eigene Weg

Aber zurück zu meiner Familie, die konsequent gegen eine künstlerische Karriere war und darauf bestand, dass ich meine Intelligenz besser nutzen und etwas „Vernünftiges“ und „Einträgliches“ machen solle. So habe ich nach der Matura Biologie studiert und wurde nach dem Bachelor prompt eingeladen in der Uni Wien mitzuarbeiten. Es gab auch das Angebot einer Universität aus den USA für ein Stipendium, um dort das Masterstudium zu absolvieren. Ein amerikanischer Gast-Professor hat mich dazu eingeladen. Allerdings habe ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, dass mein Weg ein völlig anderer sein sollte. So lehnte ich die Angebote der Universitäten dankend ab und ging nach Spanien.  Ich habe damals konsequent angefangen, das zu machen, was ich immer machen wollte, was ich schon mit zwei Jahren wusste. Und so ist es bis zum heutigen Tag geblieben.

Neue Welten

Manchmal blicke ich aber doch ein klein wenig wehmütig zurück, weil ich nicht schon viel früher meinem inneren Drang folgte und mich der Kunst zugewandt habe. Dennoch schätze ich auch die Jahre des Studiums und möchte sie nicht missen, denn auch in dieser Zeit durfte ich sehr viel lernen und wichtige Erfahrungen sammeln. Da familiäre Prägungen, wie man in Wien so schön sagt, „ein Hund“ sind, musste ich weggehen, um meinem wahren Weg folgen zu können. Meine erste künstlerische Ausbildung in Spanien machte ich in der Clownerie. Durch diese Ausbildung lernte ich auch spanisch sprechen. Damals dachte ich, dass es meine Bestimmung sei, Clownin zu sein, vor allem da mich auch mein Lehrer darin sehr bestärkte.  Doch während ich diesen Weg ging, eröffneten sich mir immer mehr Facetten meines Selbst und so fand ich neben der Clownerie zu meiner zweiten künstlerischen Ausbildung: dem Körpertheater. Sehr lange Zeit wollte ich nicht auf der Bühne sprechen, nicht mit meiner Stimme sprechen, denn ich hatte die Nase voll von der Welt der Worte.

Künstlerische Identität

Es war also auch die Clownerie, die mich davon überzeugte, meinen Weg zu ändern und auf die Bühne zu gehen. Diese Entscheidung traf ich, als ich auf einer solidarisch-politischen Bühne in Wien, Christoph Schiele auftreten sah. Es war eine wunderbar einfache und berührende Clownerie, die er zeigte. Danach war ich mir sicher, mit dem Butoh-Tanz, meiner dritten künstlerischen Ausbildung, endlich meine wahre Bestimmung gefunden zu haben. Mittlerweile habe ich aber erkannt, dass mich alle meine Ausbildungen zwar in gewisser Weise künstlerisch vervollständigten, ich mich aber nicht selbst einengen will, denn wer weiß, was noch alles zu mir und aus mir heraus kommen wird. Das ist auch der Grund, warum ich begonnen habe, derartige dogmatische Denkweisen zu vermeiden und ich mich mehr mit dem Begriff „Performance“ identifiziere. Als Performance-Künstlerin genieße ich größtmögliche künstlerische Freiheit und habe dabei den größten Spielraum in Bezug auf Transdisziplinarität und improvisatorische Spontanität. Und auch meine Stimme, kann ich durch das Medium Performance, mehr und mehr auf die Bühne zurückholen. Die „Klassische Schauspielkunst“ und die ewige Wiedergabe alter Meister haben mich nie gereizt. Ich fühlte mich immer in der „Sub-Kultur Szene“ Zuhause. Hier sah und sehe ich Menschen, die ihre Seelen zeigen und Menschen, die echte, eigene Meinungen und politische Überzeugungen verarbeiten. Hier wird mein Herz wirklich berührt.

Corona und Politik

Als Corona die Herrschaft über uns und die Medien übernahm, hat mich der erste Lockdown hart getroffen. Ich lebte ja bereits wieder in Wien, zu dieser Zeit alleine in einer winzigen Wohnung und plötzlich fielen von heute auf morgen alle meine Einkommensgrundlagen weg. Es dauerte sehr lange bis ich eine Überbrückungsfinanzierung erhalten habe. Ich konnte nur Dank meiner Freunde überleben, die mir finanziell zur Seite standen, obwohl sie selbst wenig hatten. Ohne sie wäre in dieser Zeit gar nichts gegangen. Sobald Demonstrationen wieder erlaubt waren, organisierte ich gemeinsam mit Gleichgesinnten den ersten politischen Wandertag der Künste: die „Kunstgebung“. Absurderweise hatte ich in diesem verrückten Jahr 2020 erstmalig das Gefühl, politisch doch etwas erwirkt zu haben. Wir waren natürlich nicht die Einzigen, die demonstrierten, neben unserer „Kunstgebung“ gab es einen ganzen Monat lang regelmäßige Demos der Kunst- und Kulturschaffenden. Und tatsächlich wurde dann von der Stadt Wien ein eigener und unbürokratischer Hilfsfonds für den Kultursektor geschaffen. Ohne diesen Fonds wären ich und viele KünstlerInnen der freien Szene, finanziell gestorben.

Neue Fähigkeiten

Der Lockdown brachte aber auch viel freie Zeit mit sich und so begann ich wieder mehr zu schreiben, was für mich eine Art der „Ergotherapie“ darstellte. Außerdem nutzte ich die Zeit, um mich in einer autodidaktischen Auseinandersetzung mit dem Schneiden von Videos vertraut zu machen. Zu meiner großen Freude fand ich eine erschwingliche Kamera und konnte so mit dem Filmen loslegen. Ich eröffnete einen Youtube Kanal in Form eines „audiovisuelles Tagebuchs“ und nebenbei erlernte ich das Jonglieren.  Dann gab es ja, bevor der nächste Lockdown verhängt wurde, ein kleines Zeitfenster über den Sommer, in dem wir wieder arbeiten durften.

Opus Mundi

Als dann der Winter-Lockdown kam, wollte ich nicht untätig herumsitzen und drehte meinen Kurzfilm „Opus Mundi“.Alles nahm seinen Anfang in einem Copyshop, in dem ich nicht und nicht drankam, obwohl nur wenige KundInnen anwesend waren. So schaute ich mich, um mir die Zeit zu vertreiben, in dem Shop um. Auf einem Tisch sah ich einige Flyer herumliegen, wovon einer mein Interesse weckte. Es war ein „Open Call“, von einer deutschen Theater-Kompanie, die im Rahmen ihres Projektes „Zeitkapsel“ nach kreativen Beiträgen und Performances zum Thema „Corona und Post-Corona Utopien“ suchte. Das war mein Ding! Und so verfasste ich einen kritischen Text zur politischen Lage und drehte, basierend auf dem Text, ein Video dazu.

Ibrahim Rahimi war einer der ersten Menschen, die das fertige Video zu sehen bekamen. Es freute mich riesig, als er mir sagte, dass ihm das Video deswegen so gut gefalle, weil das, woran unsere Gesellschaft krankt, genau auf den Punkt gebracht sei. Er schrieb dann auch einen kurzen Text darüber, den er samt dem Video auf seiner Homepage www.verbannter.at veröffentlichte. Seitdem planen wir, künstlerisch gemeinsame Sache zu machen und die textliche Welt der poetischen Sprache zu erforschen. Worauf ich mich schon jetzt sehr freue.“

Danke, liebe Miriam Strasser, dass du uns diesen wundervollen Einblick in dein Leben und in deine Arbeit gewährt hast.

Ibrahim Rahimi

Und auch ein großes Danke an Ibrahim Rahimi, der sich in so einzigartiger Weise für seine KollegInnen einsetzt und den ich hier auch noch ganz kurz vorstellen möchte: Der Autor Ibrahim Rahimi ist 25 Jahre jung, er hat bereits mit dem Schreiben angefangen, als er sieben Jahre alt war. Seit Oktober 2015 lebt er als Flüchtling in Österreichs Bundeshauptstadt Wien. Geboren ist er in der Stadt Kabul /Afghanistan, aufgewachsen ist er allerdings im Iran. Zurzeit arbeitet Rahimi an seinem ersten Buch „Die letzte Dimension“. Aufgrund seiner großen Begabung hat er den Literaturpreis „Enjoy Austria 2016“ gewonnen. Leben kann er von der Schriftstellerei noch nicht, daher verdient er sich seinen Lebensunterhalt, indem er auch als Buchhalter und Übersetzer arbeitet.  Auf seiner Webseite gibt es noch vieles über ihn und seine Texte, von denen einige auch schon in Büchern veröffentlicht wurden, zu erfahren

Info:

Miriam Strasser: www.soulmove.org

Facebook: https://www.facebook.com/miriam.strasser.14

Mein Youtube Kanal: BreathMoveCreate

Mein letztes Video: Opus Mundi

Info:

Ibrahim Rahimi

https://www.verbannter.at

https://www.facebook.com/mohammadebrahim.rahimi

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Author: Mona May

2 thoughts on “Miriam Strasser: Im Multiversum der Kunst

  1. Es freut mich so, dass es in Wien genau solche KünstlerInnen gibt. Die auch den politischen Augenblick , die Gegenwart wahrnehmen in voller Bandbreite und nicht wegschauen. Ich danke euch , das erleichtert nein Herz und ich bin sehr neugierig geworden ❤

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