Melamar: Die Welt in den Worten

ein Gastbeitrag von Sigrun Karre

Sei stur und lebe dein Leben, wie es dir in den Sinn kommt“, dieses lapidare Zitat aus dem Klappentext von Fall in die Nacht, des ersten Romans der Schriftstellerin Melamar scheint einen markanten Aspekt ihrer Haltung und ihres Wesens zu treffen. Aber Achtung: Hier geht es weniger um Hedonismus, mehr um Nonkonformität und Widerstandsgeist. Sprachlich und thematisch ist Melamar als Autorin nah dran an ihren Texten, die vielseitig engagierte und interessierte Autorin schöpft häufig aus ihrem unmittelbaren Alltag, weniger aus umfangreichen Recherchen oder einem literarischen Zitate-Schatz.

Prosa und Poesie

Dank ihrer Authentizität gelingt es ihr, sowohl als Poetin, als auch als Romanautorin einen Sog zu erzeugen. In „Fall in die Nacht“, ihrem ersten Roman, geht es um erste Liebe, Rassismus, Polizeigewalt und Drogentrips, thematisch also zumindest zu drei Viertel extra-schwere Kost. Dennoch schafft sie es auch in diesem 2003 erschienenen Erstling mit unterschwelligem Humor, an vielen Stellen eine Lebendigkeit und Leichtigkeit zu erzeugen. Einiges in diesem Roman ist biographisch, etwa die Herkunft der jugendlichen Protagonistin aus Kärnten. Auch Melanie Marschnig, wie Melamar mit bürgerlichem Namen heißt, ist als Jugendliche von Kärnten nach Wien gezogen. Die eindrücklichen Beschreibungen von Drogentrips sind ohne eigene Erfahrungen nicht denkbar.

Spiel des Lebens

„Die Geschichte, die ich erzählen will, ist keine Liebesgeschichte. Sie tut nur manchmal so als ob, weil das Leben eben verspielt ist und uns an der Nase herumführt,” schreibt Melamar in ihrem Buch Fall in die Nacht. “Es gaukelt uns Dinge vor, die uns gefallen würden, und beobachtet uns wie wir seinem Pathos hinterherlaufen und in es hineintappen, wie eine junge Katze, die beim Spiel in ihren Schatten springt, den sie doch nicht fangen kann.“ Solche Sätze der damaligen Mittzwanzigerin bleiben hängen und wirken nach, ebenso wie die wunderbare sprachliche Sinnlichkeit einiger erotischer Szenen. 

VERORTUNG

zwischen den stühlen sitzen kann nur wer sich setzt

ich bin auf den beinen in bewegung bis jetzt

(aus: melamar: Poetisiaka,

edition farce vivendi: Wien 2019)

Liebe zur Sprache

Schon in ihrer frühen Jugend, die sie am Bauernhof der Großmutter verbrachte, begann die 1976 in Kärnten geborene und aufgewachsenen Melanie Marschnig mit dem Schreiben von Gedichten. Dass erst 2019 ihr erster Gedichtband „Poetisiaka“ erschien, hat auch damit zu tun, dass Melamar als Spoken-Word-Poetin, Songtexterin und Sängerin und die Jahre davor hauptsächlich auf der Bühne anzutreffen war. Außerdem sei es schwierig Lyrik zu veröffentlichen und zu verkaufen, wie sie betont. Als studierte Romanistin und Übersetzerin bewegt sich Melamar in verschiedenen Sprachen, das schlägt sich auch in ihrem lyrischen Schreiben nieder, wo sie vom Deutschen auch mal mitten im Gedicht ins Englische oder (selten) Spanische wechselt. Einige Texte im Gedichtband hat Melamar „mit dem Mikro in der Hand“ geschrieben, was man den teilweise sehr rhythmischen Texten, in denen sich oft auch Refrains finden, regelrecht „anhört“.

Formal leichtfüßig, wortverspielt und variantenreich – (Der Klappentext verrät, dass Poetisiaka in Anlehnung an das Wort „Aphrodisiaka“ Lust machen sollen – Lust auf Poesie und eigene Kreativität) – sind viele Gedichte inhaltlich Ausdruck von Gesellschaftskritik und einer klaren politischen, feministischen Haltung. Ein Gedicht handelt etwa von der afghanischen Dichterin Nadya Anjoman, die von ihrem Mann zu Tode geprügelt wurde. Melamar wurde für den Gedichtband mit dem Nahbell-Preis 2019 ausgezeichnet.

FREIHEITSGEDANKE

ich habe kein geld und alles

wovon ich träume

ist, keines zu benötigen

(aus: melamar: Poetisiaka,

edition farce vivendi: Wien 2019)

Bukuríe

Das soziale Engagement, das Faible für verschiedene Sprachen und Kulturen findet sich auch im ebenso 2019 erschienenen Roman „Bukuríe“ wieder. Bukuríe, was im Albanischen so viel wie „Schönheit“ heißt, ist der Name einer Romni aus dem Kosovo, die als mittellose Asylwerberin in der Wiener Josefstadt Straßenzeitschriften verkauft. Dort lernt sie die junge Altwarenhändlerin Rita kennen, eine besondere Freundschaft zwischen den Frauen entsteht, während Ritas Liebesbeziehung mit Pablo, der sein Musikstudium zugunsten eines sicheren Jobs bei einer Bank aufgegeben hat, zunehmend Risse bekommt.

Romaexpertin

Auch für diese Geschichte konnte Melamar aus ihrem eigenen Leben und Wissen schöpfen. Während ihres Studienaufenthalts in Bukarest kam sie intensiv mit der Kultur der Roma in Berührung, hat ihre Diplomarbeit über die Literatur und Kultur der Roma in Rumänien verfasst und gilt mittlerweile als Roma-Expertin. Außerdem kam sie durch ihre Arbeit als Übersetzerin von chilenischen Autoren, wie dem Dichter Raúl Zurita, in Kontakt mit der Chilenen-Community in Wien. Und auch ihre Erfahrungen als Dolmetscherin bei Rechtshilfetreffen für Bettlerund Bettlerinnen flossen in den Roman ein.

Facettenreichtum

Was diesen Roman besonders macht, sind seine vielen Facetten, da gibt es einmal die Familiengeschichten der drei ProtagonistInnen, die allesamt Migrationsgeschichten sind und einige spannende historische Details, sowie Einblicke in verschiedene Kulturen und ein paar fremdsprachliche Vokabeln „mittransportieren“. Es gibt die gesellschaftskritische Komponente dieses „Integrationsromans“, der zugleich auch Anleihen am Märchen nimmt und mit der Traumebene eine zusätzliche, metaphysische Ebene einführt. Und dann gibt es da noch jede Menge Tiefgründigkeit und Weisheiten, die hauptsächlich aus dem Mund, der des Lesens nicht kundigen, dafür mit heilerischen Fähigkeiten ausgestatteten Bukuríe kommen. All das wird im Wechsel aus zwei Perspektiven erzählt.

Live und in Farbe

Das Thema Spiritualität ist im Literaturbetrieb gefährlich, will man nicht schnurstracks in der antiaufklärerischen Esoterik-Ecke von „Licht und Liebe“ landen. Melamar ist da also beherzt ein ziemlich großes Risiko eingegangen, dabei ist ihr ein feinsinniger Roman geglückt, indem sich all diese unterschiedlichen Aspekte zu einer runden, „beseelten“ Geschichte vereinen. Prädikat: nachhaltig!

Am 21. Juni um 19.00 ist Melamar gemeinsam mit Herbert Lacina wieder live zu erleben. Die multimediale Performance „Bäume aus Licht“ im Rahmen des Festivals „Schriftlinien“ (kuratiert von Günter Vallaster) findet im Literaturhaus in der Seidengasse 13 , in 1070 Wien, statt. Erstmals gibt es nicht nur was zu hören von Melamar, sondern auch zu sehen, nämlich Fotografien.

Biografisches über Melamar: geboren ist die Autorin 1976 in Klagenfurt / Celovec, sie verfasst Poesie und Prosa, gelegentlich Dramolette. Sie studierte Romanistik in Wien und Bukarest und übersetzt vorwiegend literarische Texte aus dem Spanischen und Rumänischen, gelegentlich aus dem Englischen. 2019 erschienen ihr Roman „Bukuríe“ im Verlag Wortreich und ihr Lyrikband „Poetisiaka“ in der edition farce vivendi in Wien. 2018 gab sie gemeinsam mit Andi Pianka ebendort die Anthologie „Zehn Jahre Farce Vivendi“ heraus. Melamar tritt auch als Veranstalterin und Moderatorin von Lesungen, Open Mics, Poetry Slams und von Kulturfesten in Erscheinung.

Sie blickt auf zahlreiche Auftritte, sowie Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften inner- und außerhalb Österreichs zurück. So etwa führte sie eine Lesereise 2019 nach Mexiko, wo sie am Festival „23 Encuentro de Poetas de Zamora“ und an der Lesereihe „Caravána Poética“ in Puerto Vallarta teilnahm, die sie mit einer zweisprachigen Lesung an der „UNAM“, der größten Universität des Landes, in Mexiko-Stadt abschloss.

Melamar ist Mitbegründerin der Literatur- und Kunstplattform „farce vivendi“, sowie, gemeinsam mit Andi Pianka, Organisatorin und Moderatorin des „farce vivendi OPEN MIC“.
Als Trainerin in der Erwachsenenbildung bietet sie Workshops und Kurse für Kreatives Schreiben an. Weiters unterrichtet sie Sprachen, Kommunikation und Shaolin Qi Gong.

Melamar ist Mitglied der IG Autorinnen Autoren sowie der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung GAV. Sie lebt und arbeitet in Wien.

Infos:

www.melamar.at

www.facebook.com/melamarpoetry

Bücher online erhältlich z.B. bei:

www.abebooks.de

Fotocredits: Titelbild: Alain Barbero; Artikelbild: Christian Schreibmüller

Author: Sigrun Karre

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