Lucas Dinhof: Kunst ist mein Lebenselixir

ein Portrait von Mona May

Ich habe heute nicht nur das Vergnügen, euch im Rahmen von Goethe ist tot – wir leben wieder einmal einen jungen, beeindruckenden und außerordentlichen Künstler vorstellen zu dürfen, sondern auch das große Glück in persönlich zu kennen.  Als ich seine Bilder und Objekte das erste Mal sah, na ja, was soll ich sagen? Es war Liebe auf den ersten Blick und es ist für mich nach wie vor der reinste Genuss, mich in seine Werke zu vertiefen. Ja! Es gibt sie, die Liebe auf den ersten Blick.

Einige von Euch werden jetzt vielleicht sagen – oder es sich zumindest denken – ich sei eine Materialistin, weil ich mein Herz an Bilder und Objekte, also an Dinge hänge. Ja, ich gebe es unumwunden zu, in dieser Hinsicht bin ich materialistisch. Aber in einem anderen Sinn, als mir jetzt vielleicht unterstellt werden könnte: Denn wer seiner Werke und vor allem diese vielen unterschiedlichen Materialien, mit denen er sie erschafft, erst einmal sinnlich erlebt hat, wird gar nicht anders können, als sich in sie zu verlieben.

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Klare Kunst

Gut, aber lassen wir das mit der Liebe zu seinen Werken oder der Verliebtheit in diese einmal hintenan gestellt: Lucas Dinhof ist ein Multitalent und er hat die große Gabe aus fast allem, was ihm in die Hände fällt – ob es Mörtelreste, Gewürze, Kunstharz oder uralte Tische sind – Kunst zu machen. Wunderbare Kunst, herausfordernde Kunst, provozierend, manchmal sogar irritierend und verwirrend, aber niemals leer und hohl. Immer auf den Punkt gebracht – formal wie inhaltlich. Ich muss Lucas Dinhof demnächst einmal fragen, ob er ein Perfektionist ist, denn er beherrscht sein Handwerkszeug auf das Gründlichste und das ist mir fast schon ein bisschen unheimlich. Wie mir scheint, vermag er aber gerade deswegen Inhalte jedweder ART mit einer faszinierenden und unglaublichen Klarheit zum Ausdruck zu bringen.

Auf neuen Pfaden

In seinen Arbeiten vereinen sich Ästhetik und Gesellschaftskritik in ungewöhnlicher Weise. Seine Vielfalt, seine Neugier und seine Spontaneität lassen ihn Wege abseits ausgetretener Pfade gehen. Die sensible Feinsinnigkeit, das Gespür und der wache Geist, mit dem sich Lucas Dinhof in seinen Arbeiten an die Probleme und Herausforderungen unserer Zeit heranwagt, überwältigen mich immer wieder. Dabei werden die Texturen und Strukturen seiner Bilder so lebendig, als würden sie atmen und ihr rauer Teint, der samt ihrer inhaltlichen Grässlichkeit, so bezaubernd schön ist, verführt zum Verweilen und zum Staunen.

Innen gegen Außen

Manchmal kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass er legitimerweise auch nach Halt und Sicherheit in seinem künstlerischen Schaffen sucht. So wird er kaum um einen Pinselstrich ringen müssen, da bin ich mir sicher, dass sein Ringen allerdings auf ganz anderen Ebenen stattfindet, das zeigt er uns ganz offen und ehrlich. Er macht keinen Hehl daraus, wie sehr er jahrelang darunter gelitten hat, sich als Vollblutindividualist ständig einordnen und verbiegen zu müssen. „Das und die äußeren Zwänge, haben mich beinahe zerstört“, sagt er. Aber eben nur beinahe, denn einer wie er, ist mutig genug, sich nicht zerstören zu lassen. Im Gegenteil, es ist als würde sich sein reichhaltiges Innenleben nach außen wölben und er damit der Welt, die permanent droht sich über ihn drüberzustülpen und ihn zu verschlingen, sein eigenes Sein und seine überbordende Kreativität entgegensetzen. Diese Begegnung seines Selbst mit der Welt, dieses sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, lässt ein Spannungsfeld entstehen, in welches man bei der Betrachtung seiner Kunstwerke ganz unmittelbar hineingezogen wird. Wer nicht mit einem oberflächlichen Blick durch seine Werke hindurchsieht und sich wirklich darauf einlässt, den werden sie einfach fesseln.

Eine große Wut, die auch in ihm steckt, kanalisiert er intelligent und klug in seinen Arbeiten. Bei manchen seiner Bilder habe ich das Gefühl, als würden die Stacheln der Verletzungen, die ihm beigebracht wurden, aus ihnen herausragen und nach mir stechen. Aber nach einer Weile beruhigt sich alles wieder und seine Bilder bringen mich in einen fast meditativen Zustand. Diese Wut ist ein wichtiger Antrieb für ihn, sich für eine bessere und gerechtere Welt einzusetzen. Und das tut er, wo er kann.

Ich kann mir vorstellen, dass sein großes Talent, das mit einer so unglaublichen Sensibilität gepaart ist, oft genug auch für ihn selbst eine große Herausforderung darstellt. Es ist sicher nicht immer einfach ein so großes Talent gut handzuhaben. Aber lassen wir den 1985 in Wien geborenen Künstler nun selbst zu Wort kommen und schauen wir mal, was für Antworten er bereit ist uns zu geben.

Das Interview

Aufgrund der Corona-Krise will ich natürlich zuerst einmal wissen, wie sich diese aktuell auf ihn und seine Lebenspartnerin auswirkt und wie ihre augenblickliche Lebenssituation und auch ihr Lebensgefühl ist?

Momentan versuche ich mich so gut es geht auf das Wesentliche zu konzentrieren. Im Rahmen unserer Möglichkeiten engagieren ich und „meine“ Frau uns in einem sozialen Projekt. Dort gibt es durch die Corona-Krise einen Mangel an Mitarbeiter_innen und so arbeiten wir einmal wöchentlich vier Stunden ehrenamtlich mit. Selbstverständlich thematisiere ich jetzt auch in meinem künstlerischen Schaffen diese gesellschaftlich sehr herausfordernde Zeit. Es gibt aus meiner Sicht vieles, das wir hinterfragen sollten, leider haben die Leute Angst und trauen sich nicht offen über ihre Verunsicherungen zu sprechen. Es wird auch hier vonseiten der Politik wieder vieles unter den Teppich gekehrt und ich hoffe nur, dass wir uns nicht in Richtung Überwachungsstaat entwickeln.

Ich nutze diese Zeit des Weiteren um mir experimentelle Techniken anzueignen, neue Materialien zu entdecken und zu verwenden, neue Kollektionen zu entwerfen, mich an virtuellen Ausstellungen und Wetterbewerben zu beteiligen. Gerade versuche ich mich auch in der Kunst der Mosaike für das Atelier. Die Planung der Teilnahme an internationalen Kunstmessen und die Aufbauarbeit unseres Vereins KUNSTOASE Mannersdorf, fordern mich, neben unserer ehrenamtlichen Tätigkeit in „Die Tafel“ in Oberpullendorf, ganz schön.

Was unser berufliches und persönliches Leben betrifft, da hat uns die Corona-Krise einige Hindernisse in den Weg gelegt. So habe ich mein Atelier renoviert und meine Frau und ich haben den Verein KUNSTOASE MANNERSDORF ins Leben gerufen. Am zweiten Freitag im Mai wollten wir das Atelier feierlich eröffnen, was jetzt klarerweise ins Wasser fällt. Ende Mai sollte ich mit meinen Arbeiten am Tag der offenen Ateliertüren der Landesgalerie Burgenland beteiligt sein – die auch nicht stattfinden werden. Fix ist, dass ich im Oktober ein Kunstwerk für das Hilfswerk Bambakids spenden werde und die Einnahmen zu hundert Prozent an ein Schulhilfsprojekt in Kenia gehen werden. Ich hoffe nur, es findet sich ein Käufer oder eine Käuferin. Es war nie leicht Kunst zu verkaufen, aber im Moment ist es um ein Vielfaches schwieriger.

Aber irgendwann wird sich das Leben ja wieder in gewohnten Bahnen bewegen und dann werden wir alle unsere Kunstprojekte und Vorhaben verwirklichen und uns umso mehr freuen, wenn viele Leute uns in der KUNSTOASE MANNERSDORF und in meinem Atelier besuchen.“

Du erwähnst deine Lebenspartnerin, möchtest du uns etwas über sie und über eure Beziehung erzählen?

Sehr gerne, wo soll ich beginnen? Also ihr Name ist Gerda Sackey und ich bin sehr froh, dass uns das Leben zusammengeführt hat. Wir sind zwar nicht verheiratet, für mich ist sie aber trotzdem ,meine“ Frau, das hat mehr mit Liebe zu tun und unserem Beschluss unseren Weg gemeinsam zu gehen, als mit Besitzdenken. Ich habe kein klassisches Familienbild, für mich kann jegliche Form von Zusammenleben familiär sein. Hauptsache es schenkt Wohlbefinden und vor allem Liebe. Ich kann nicht verstehen, dass viele Menschen, wie auch politische Entscheidungsträger, Familie noch immer im klassischen Sinn definieren. Es kann doch nicht vorgeschrieben werden, wie eine Familie auszusehen hat. Mit dem Klischee Vater, Mutter, ein bis zwei Kinder, trautes Heim Glück allein, damit kann ich sehr wenig anfangen. Ich denke hierbei an Leute die keine Kinder bekommen können oder wollen oder Homosexuelle, Patchwork-Familien und andere. Heimat ist doch überall auf der Erde und Familie ist dort, wo ich mich geborgen und geliebt fühle.

Gerda ist ausgebildete Architektin und hat großes musikalisches Talent. Sie spielt ausgezeichnet Viola und spielte sogar im Haydnorchester Eisenstadt. Uns verbindet eine ähnliche Weltsicht und die Liebe zur Kunst. Ich erlebe die Liebe und die Harmonie in unserer Beziehung als großes Geschenk. Durch „meine“ Frau kann ich mit Rückschlägen wesentlich besser umgehen, was auch umgekehrt so ist. Wir unterstützen uns gegenseitig wo wir können.

Mit in unserem Haushalt lebt Wega, sie ist als Welpe zu uns dazu gekommen und ist jetzt sechzehn Monate alt. Sie ist ein Labrador und sehr temperamentvoll, oft hüpft sie wie ein Känguru herum und am liebsten nagt sie, wie ein Biber, Holz.

Danke Lucas, gerne würde ich jetzt noch ein wenig mehr über deinen Lebensweg erfahren, wie war zum Beispiel deine Kindheit?

Ich bin in einem gutbürgerlichen Milieu aufgewachsen und habe eine Halbschwester im Teenageralter. Sowohl mein Vater, der Grafiker und Unternehmer war, als auch meine Mutter die Managerin und Einzelunternehmerin war, hatten einen guten Zugang zur Malerei und malten selbst – zumindest zeitweise. Als Kind habe ich sehr viel gemalt, es später aber aus Zeitgründen aufgegeben. Vor sechs Jahren habe ich zur Malerei zurückgefunden und male seitdem intensivst und gestalte auch verschiedenste Objekte aus diversen Materialien. Als Programmierer, der ich auch bin, benutze ich sowohl in der Kunst als auch beim Programmieren meine Kreativität. Ich erlebe eine große Freude beim kreativen Schaffen, zugleich ist die Kunst mein Versuch einer Selbsttherapie, da ich aufgrund mehrerer Schicksalsschläge noch einiges aufzuarbeiten habe.

Welche Ausbildungen hast du genossen?

Ich habe Informationstechnik an der Fachhochschule studiert. Die Informatik hat ja auch einiges mit Kreativität zu tun, wenn man beispielsweise Oberflächen für Webseiten oder Software programmiert oder einen Algorithmus entwirft. Die Malerei habe ich mir selbst beigebracht, wobei ich aber viel von anderen Kunstschaffenden lernte. So war ich nicht nur in unzähligen Ausstellungen in sehr vielen Ländern, sondern habe auch Onlinekurse absolviert.

Im März 2020 wollte ich einen weiteren Kurs in der Wiener Zeichenfabrik belegen, um mich wieder fortzubilden. Das lernen hört ja nie auf, ich versuche immer auch von erfahrenen Künstlern und Menschen zu lernen.

Worum geht es dir, abgesehen von dem selbsttherapeutischen Aspekt, in deinem Kunstschaffen?

Das Kunstschaffen ist für mich mein Lebenselixier und ich möchte weiterhin davon trinken. Es ist ein Instrument, um meine Ansichten mitzuteilen, aber auch um andere Ansichten infrage zu stellen. Es geht mir im weitesten Sinn um einen Dialog, aber auch darum einen Zugang zu meiner Welt und zu den Dimensionen, die in uns allen sind, herzustellen, dabei achte ich in gewisser Weise auch auf die Wünsche und Begierden meines Gegenübers. Ich möchte andere Leute mit meinem kreativen Ausdruck fesseln und sie in den Bann ziehen. Und gleichzeitig sehe ich in manchen künstlerischen Techniken einen kreativen Lernprozess, quasi einen Akt, um das Loslassen zu lernen und um Schicksalsschläge besser aufarbeiten zu können.

Des Weiteren ist meine Kollektion „Kritische Abstrakte“ ein Versuch Dinge, die heutzutage falsch laufen, aufzuzeigen und sie einer anderen Betrachtung zuzuführen. Ich möchte Menschen zum Nachdenken anregen. Dies wird in meiner Kollektion „Stripes“ besonders sichtbar. Diese Kollektion stellt einen Raum dar, der zeigt, dass Faschismus und Nationalismus, Krieg und Hunger oder jedwede Art von Mauer, ja, selbst der Tod, niemals das Leben aufhalten können. Ich bin davon überzeugt, dass das Errichten von Wällen ein Rückschritt ist, der uns nicht weiterbringt. Ich glaube, viele Menschen fühlen sich durch die rasanten Entwicklungen und durch die zunehmende Digitalisierung im Privatleben, wie in der Arbeitswelt, gestresst und überfordert. Dadurch verschließen sie sich immer mehr und sind Neuem gegenüber ablehnend.“

Wie gehst du vor, folgst du einfach einem Impuls oder hast du eine Strategie, wenn es darum geht ein neues Werk zu erschaffen?

Na ja, wenn ich an einem neuen Projekt arbeite, dann plane ich schon vorher in welche Richtung es gehen soll, wobei intuitive Aspekte natürlich auch mit einfließen. Ich achte generell darauf, dass die intuitiven, experimentellen und planerischen Ebenen in etwa ausgewogen sind. Dabei beschränke ich mein Vorhaben meist nicht auf einige wenige Materialien, sondern versuche immer wieder zu überlegen, welches Material sich für welchen Zweck eignet, so habe ich etwa ein Bild aus Gewürzen angefertigt, das in einem Restaurant ausgestellt ist, um damit die beiden Sinne – den Geruchssinn und den Sehsinn – zu verbinden.

In deinen Arbeiten finden sich häufig gesellschaftspolitische Themen und Inhalte, magst du uns darüber etwas erzählen?

Ja, gerne. Ich kann durch mein künstlerisches Schaffen einige Dinge kritisieren, die einfach falsch laufen. Wir leben ja in Zeiten der großen Umbrüche und Krisen und die Geschichte hat gezeigt, dass sich in unsicheren Zeiten die größten Veränderungen durchsetzen. Viele Menschen, vor allem einige Politiker, brauchen kritische Stimmen, da sie oft in einer erzkonservativen Weise argumentieren: „Es war ja alles immer schon so!“ Das erzeugt einen Stillstand und auch einen Rückstau. Vielleicht ist es die Angst vor Machtverlust, die sie antreibt, aber es gibt so viele Möglichkeiten, man muss nur offen für Neues sein. Hätte sich in allen Zeiten das Erzkonservative durchgesetzt, wir würden nach wie vor in Höhlen sitzen und uns noch immer gegenseitig abmurksen.

Ich bin ein sehr offener und vielseitig interessierter Mensch und oft fällt es mir schwer nur ein Thema im Fokus zu behalten. In meiner letzte Kollektion befasste ich mich mit dem aufkommenden Nationalismus und der nationalstaatlichen Abschottung in Zeiten der Globalisierung, aber dann bemerkte ich zwangsläufig wie komplex alles mit einander verbunden ist und dass es viele globale Probleme wie den Klimawandel, die Verschmutzung, den Rassismus, die Glaubenskriege und viele andere gibt, die alle globale Lösungsansätze brauchen. Und jetzt überlege ich, wie ich alle diese Themen künstlerisch bearbeiten kann.

Das klingt danach, als würdest du rund um die Uhr arbeiten, wie schaut das mit der existenziellen Seite aus, kannst du von der Kunst leben?

Das ist so eine Sache, also sehr gut kann ich noch nicht davon leben, ich muss mich zurzeit noch mit einer zusätzlichen Anstellung über Wasser halten.

Eine Nebenwirkung von COVID 19 ist auch, dass der Verkauf von Kunstwerken jetzt noch schleppender geht. Leider sitzen ja, so wie ich auch, fast alle Kunstschaffenden jetzt in diesem Boot.

Zum Schluss möchte ich dich noch fragen, was deine Ziele sind und wie deine Zukunftspläne aussehen?

Ich möchte mich national und international besser etablieren. Sehr am Herzen liegt mir, mich mit einigen Kunstprojekten sozial zu engagieren. Im Grunde genommen möchte ich Menschen zum Staunen bringen und ihnen neben ein paar Gedankenanstößen, ein sinnliches Erlebnis im Sinn einer Augenfreude bereiten.

Infos: https://www.lucas-dinhof-art.com/3d-parallax.html

https://www.kulturvernetzung.at/de/lucas-dinhof/

https://www.bvz.at/eisenstadt/kuenstler-portrait-malen-gegen-mauern-eisenstadt-kunst-malerei-ausstellung-184514987

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Author: Mona May

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