Die wundersame Drohgebärde des Marienkäfers

eine Kurzgeschichte von Mona May

Ein Marienkäfer. Irgendwann, irgendwo geboren geworden. Ein Glücksbote mit sieben Punkten, die voll schwarzem Stolz auf rotgelborangen Flügeln schwimmen. Mayday, mayday“, meldete er, die Welt geht unter, unter, unter. Womit er meinte: „Helft mir, helft mir, helft mir! Ich ertrinke, ertrinke, ertrinke!“ Er war nämlich in eine Regentonne geplumpst und kam jetzt nicht mehr heraus. Wie ein Ball rollte sein Hilferuf um die Welt. Und er hoffte natürlich, dass irgendwer von irgendwoher käme, ihn zu erretten. Doch, dem war nicht so.  Niemand kam. Nicht einmal ich.

Ich ruderte ja gerade selbst – das bildete ich mir zumindest ein – wie viele andere auch, um mein Leben. Musste meinen täglichen Pflichten nachgehen, um mir ein angenehmes Leben zu erarbeiten. Außerdem hatte ich jede Menge anderer Sorgen am Hals. Wie die meisten anderen eben auch, war ich mit meinem eigenen Lebenskampf beschäftigt

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So hörte ich ihn zwar – irgendwie – aber nicht richtig – es war mehr so ein Gefühl, eine vage Ahnung, dass da jemand einen Hilferuf losgelassen hatte. Zu undeutlich, zu weit weg, um gehört zu werden. Ich kümmerte mich also – so wie die anderen eben auch – nicht mehr weiter darum.

Er war von tauben Ohren umgeben, sehen konnte ihn ja sowieso niemand, weil er in irgendeiner Regentonne um sein Leben strampelte. Daher blieb ihm nichts anderes übrig, als sich selbst zu helfen. Er raffte sich also auf und begann aus Leibeskräften mit seinen Beinchen, um sein Leben zu rudern.

Er ruderte, ruderte, ruderte, bis er endlich die Innenwand der Regentonne erreicht hatte. Entkräftet begann er die Wand hochzukrabbeln, er krabbelte und krabbelte, er rutschte ab, raffte sich wieder auf und krabbelte weiter, rutschte wieder ab und raffte sich erneut hoch, um unermüdlich weiter zu krabbeln. Er krabbelte solange bis er am oberen Rand der Regentonne zu sitzen kam.

Dort versuchte er sich zuerst mit einem kräftigen Ruck abzustoßen, um zum Fliegen zu kommen. Das gelang ihm nicht. Also spreizte er seine Beinchen ein paar Mal weit von sich, zog sie wieder an, klappte sein Flügelpaar seitlich auf und stemmte sich mit aller Kraft gegen den schmalen Rand, auf dem er saß.

Er schlug, schlug, schlug.

Um sich.

Zuerst sanft, dann immer heftiger, und als alles nichts half, gab er sich selbst einen holprigen Tritt in seinen eigenen Arsch – was sehr ulkig anzusehen war.

So seinem Untergang entronnen, flog er voller Überzeugung, nun das Glück in die Welt bringen zu können, auf und davon.

Da schwebte er nun in den Lüften.

Lange Zeit.

Hoch auf bergig aufgetürmten Wolkenrössern. Er umrundete die Himmel und versank in so manch verblassendem Stern.

Es ging ihm gut.

So Richtig, richtig gut.

Er war heiter, erleichtert und froh, war er doch dabei seine Mission zu erfüllen.

Doch nach noch längerer Zeit und vielen, vielen weiteren Umrundungen der Himmel – ach, wie fühlte er sich dabei wohl – begann er sich langsam zu fragen, warum er denn so alleine unterwegs war. Irgendwie vermisste er etwas und es begann ihm zu dämmern, dass es die Gesellschaft seiner Artgenossen und Artgenossinnen war, die er schmerzlich vermisste. Und er träumte nun jeden Tag, jede Stunde, jede Minute davon, wie schön es doch wäre, mit ihnen gemeinsam das Glück in die Welt zu bringen.

Also hielt er von nun ab bei all seinen Rundflügen Ausschau nach seinen Artgenossen. In China, in Chile, in Chinputa, in Chaputi, in Chaptawupti und in Chiwaptalles. Eben wirklich überall. Aber so viel er auch schaute und scheute, weit und breit waren sie nicht zu sehen – seine Artgenossen und Artgenossinnen.

Er wollte schon aufgeben. Aber da, was sahen seine Augen? Oh, was für eine Aufregung überkam ihn. Weit unter ihm, spazierte eine entzückende kleine alte Dame, die trug auf einem eingedellten Hut ein Blümchen, das bei jedem ihrer Schritte mit auf und ab hüpfte.

Und auf diesem Blümchen, was saß da?

Oh, er wurde immer aufgeregter und aufgeregter und traute seinen Augen nicht, ein, zwei, drei, vier, fünf und noch mehr … oh, so viele Marienkäfer und Marienkäferinnen. Oh, mein Gott, wie schlug ihm das kleine Marienkäferherz jetzt bis zum Halse. Poch, poch, poch und sein Atmen ging schnell.

Aber was war nur los, warum schimpfte die kleine alte entzückende Frau so lauthals und so böse. Sie schimpfte und schrie so laut, dass sogar die Nachbarn angelockt von ihrem Geschrei herbei gelaufen kamen und sich um sie scharrten.

Er sah von oben zu – ein kleines bisschen hatte er sich nun schon mit sehr leisem Flügelschlag herangewagt. Aber was er jetzt sah, das war sehr verstörend und beunruhigend. Die entzückende alte kleine Frau scheuchte, wild mit einem Besen fuchtelnd, tausende von Käfern von einer Hauswand. Warum diese sich dort niedergelassen hatten, das wusste er nicht und auch sonst niemand. Es waren unzählige und so viel konnte er erkennen, es waren Marienkäfer, auch wenn diese ein wenig fremdländisch und exotisch aussahen.

Mit den groben Drahtborsten des Besens kehrte und kehrte sie wie besessen die Wand ab, drückte und drückte sie gegen die Wand, bis die kleinen gepunkteten Käfer halbtot oder schwer verletzt am Boden lagen. Und dann, dann trat sie noch erbost mit ihren Füßen nach ihnen und rief: „Ihr Kulturschädlinge ihr! Wartet nur, euch werde ich es zeigen!“

Viele waren tot.

Und so manch kleines Marienkäferkörperchen zuckte im Überlebenskampf.

Und er, der kleine tapfere Marienkäfer, der doch nur das Glück in die Welt bringen wollte, er konnte es nicht fassen, was seine kleine Marienkäferseele da mitansehen musste. Seine Artgenossen … seine Angehörigen … tot und viele schwer verwundet!!! Er weinte so bitterlich, sodass er am ganzen Leib bebte und zitterte. Trotzdem rief er mit zittriger und brüchiger Stimme: „Ich kooo ommmee, iiicchh koommmee!“, denn er wollte seinen Artgenossen zu Hilfe eilen. Also startete er einen Frontalangriff, indem er tapfer, dabei sein Flugtempo beschleunigend, gegen das Gesicht der kleinen alten Frau flog. Doch diese wischte ihn sehr unsanft einfach weg, beinahe hätte sie auch ihn dabei schwer verletzt.

Wie betäubt landete er auf dem Boden und verfiel in eine Schockstarre. Dort lag er nun hilflos vor den Füßen der grölenden und stampfenden Nachbarn, die alle die kleine alte Frau, die jetzt gar nicht mehr so entzückend war, anfeuerten. Denn würden sie nicht eingreifen, dann würden morgen auch ihre Hauswände von Scharen von fremdländisch aussehenden Marienkäfern belagert werden. Das galt es zu verhindern.

Als er nach einer Weile wieder aus seiner Schockstarre erwachte, verfiel er dem Wahnsinn. Irgendwie rappelte er sich hoch und flog benommen und verwirrt auf und davon. So landete er in der Gosse. Dort grabbelt er nun, unsinniges Zeug vor sich hin brabbelnd. So zum Beispiel behauptet er, er sei aus China und gibt zu verstehen, dass wir alle noch schauen würden und zwar ziemlich blöd. Die feine Wäsche, die wir trügen, würde unsere Lage auch nicht unbedingt verbessern. Denn bald schon würden ihm noch mehr nachfolgen – alle so, wie er einer sei – Seinesgleichen eben, Männlein, Weiblein, Kindlein und alle mit rot-gelb-orangen Flügeln und ungleich angeordneten schwarzen Punkten. Allen Sicherheitsmaßnahmen zum Trotz würden seine Artgenossen über uns herfallen, wie eine dunkle Wolke oder wie ein gigantischer Heuschreckenschwarm.

Passt nur auf!“

Passt nur auf!“, droht er.

Wir sind schon unterwegs. Hört unseren schnarrenden Flügelschlag, das Knistern, das die Luft zerreißt. Das sind wir. Ein Geschwader aus Angst, eine Invasion der fremdländischen Marienkäfer. Mayday, Mayday!!!

In dieser Art drohte er und brachte seine Tage in Angst und Schrecken zu. Aber nicht nur er, denn nach dem ein Jahr vergangen war und er Frühling erneut ins Land zog, was mussten die Nachbarn der kleinen alten Frau da entdecken? Richtig! Auf ihren Wänden grabbelten Heerscharen von Marienkäfern.

Als sie mich herbeiriefen ich möge doch schauen kommen, da fiel mir einer vor meine Füße, seltsam starr, so als wäre er tot.

Ich hob ihn hoch und als ich sah, dass er lebte durchströmte mich ein warmes Gefühl der Freude und des Glücks.

Er kroch meine Fingerspitzen entlang, blinzelte mir zu und flog auf und davon. Nur das zarte kitzelnde Kribbeln seiner Beinchen konnte ich noch eine Zeitlang auf meinen Fingerkuppen spüren.

Und so rief ich ihm nach: „Leb wohl, du mein Glücksbote, leb wohl.“

 

zur Autorin:

Mona May ist eine österreichische Kunstschaffende und Autorin, die zahlreiche Tanz- und Theaterstücke schreibt, choreografiert, performt und inszeniert. Werke von ihr sind MAHNMAHL, (h)eras:(h)aar, UXUS, Menschensplitter und viele mehr. Außerdem schreibt sie Kurzgeschichten und Lyrik.

Mona May hat auch die Kampagne Goethe ist tot – wir leben! ins Leben gerufen, die die Basis für diese Website gebildet hat. Sie veröffentlicht weiterhin Portraits von Künstlern und Künstlerinnen aller Genres auf kuenstler-leben.com

 

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Author: Christian Handler

1 thought on “Die wundersame Drohgebärde des Marienkäfers

  1. Diese Kurzgeschichte ist so packend, dramatisch – aber mit dem Hoffnungshorizont eines Überlebens, einer Wiederauferstehung. Es berührt mich sehr! DANKE liebe Mona May !

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