Alexander Mitterer: Großer Charakterdarsteller der Moderne

ein Gastbeitrag von Anja Maria Dax

Der Schauspieler, Regisseur und Autor Alexander Mitterer spricht mit uns über seinen Deutschprofessor, der seine Liebe zum Schauspiel entfachte, den Genuss schwerer körperlicher Arbeit und die Motivation für sein künstlerisches Schaffen.

Geboren am 27. Mai 1968 in Bruneck (Südtirol), als jüngstes von vier Kindern, wuchs Alexander Mitterer in einer bürgerlichen Kleinstadtatmosphäre auf, in der laut ihm eine Partei nahezu alles bestimmte. „Eine einzige Zeitung betrieb – die Welt erklärend – Meinungsbildung und Meinungsmanipulation, ein Landeshauptmann lenkte unwidersprochen alle Geschicke Südtirols, das wenige kritische Potential wurde argwöhnisch beäugt und stand unter dem Generalverdacht der Nestbeschmutzung“, beschreibt er die Umgebung seines Aufwachsens. Auf der italienischen Seite ortet Mitterer einen „latenten Faschismus“ und auf deutscher Seite „demagogische Identitätsbehauptung und unflexiblen Traditionalismus“ sowie eine „fast schon selbstzerstörerische Wohlstandssehnsucht“ – und über all dem thronte ein „katholischer Donnergott“.

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Hamlet im Klassenzimmer

Inmitten dieser kleinbürgerlichen Gesellschaft betrat plötzlich Hamlet, in Gestalt des Deutschprofessors Clemens Auer, die Klasse des humanistischen Gymnasiums in Bruneck und sprach: “Das Schauspiel sei die Schlinge, in die den König sein Gewissen bringe!“ In dieser Klasse saß Alexander Mitterer. Für ihn war das ein prägender Moment: „Prof. Auer zog die Vorhänge zu, zündete eine Kerze an, kramte aus seiner Aktentasche einen Totenschädel heraus, platzierte ihn auf seinem Pult und las mit uns in verteilten Rollen Hamlet. Mein Theaterfieber war entfacht.“ Alexander Mitterer sah somit seine Zukunft im Schauspiel besiegelt: „Hinter den Vorhängen eines Theaters und hinter den Vorhängen meiner Persönlichkeit erahnte ich eine Welt voller Freiheit und Hingabe.“

Familie und Ausbildung

Neben seinem Lehrer war für Alexander Mitterer auch seine Familie – ein bunter Kosmos verschiedenster Geister bestehend aus Landwirten, Musikern, Erfindern, Lehrern und Kaufleuten – wichtig für seine weitere Entwicklung. Vor allem sein Bruder, ein Arzt und Hobbyfagottist, prägte ihn: „Er führte mich in die Welt der antiken Mythologie ein, vermittelte mir die Leidenschaft für Literatur und Musik und förderte mein kritisches Denken und das Hinterfragen gesellschaftspolitischer Zustände.“ Nach der Schule absolvierte er ein Schauspielstudium am Konservatorium der Stadt Wien (heute Privatuniversität der Stadt Wien). Daneben belegte er „unerlaubterweise“ auch andere Workshops und Schauspielkurse, obwohl das am Konservatorium nicht gerne gesehen war.

Kopfüber in die Geisteswelten

Das, was Alexander Mitterer im Leben und als Künstler antreibt, ist eine überaus große und allgegenwärtige Neugierde. Er beschreibt seinen Zugang wie folgt: „In einer Rollenerarbeitung oder auch als Regisseur geht es mir darum herauszufinden, wie Menschen an bestimmte Ideen herangeführt werden können. Um Ideen in die Tat umsetzen zu können, muss ich allerdings zuerst wissen, aus welchen Gründen Menschen oder darzustellende Charaktere in bestimmten Geisteswelten leben. Alle diese Welten muss ich lieben lernen, um sie darstellen zu können und sie für das Publikum nachvollziehbar zu machen.“ Alexander Mitteres erklärtes Ziel als Künstler ist es, andere Menschen mit seiner Darstellung zu berühren und mit Themen, die durchaus auch herausfordernd und kontrovers sein dürfen, zu konfrontieren.

Der Kommissar als Fluch und Segen

Als Schauspieler nähert er sich seinem Textmaterial aus der Vogelperspektive, um die Umrisse der Figur, das zu Sagende und das zu Verschweigende, zu erkennen. Als nächstes widmet er sich der Gedankenwelt seiner Figur und erst dann der emotionalen Welt: „Jede Rolle, jede Figur muss ich ja so ausloten, dass ich die Beweggründe für ihr Handeln in mir wiedererkennen kann, um daraus eine Bühnenfigur erschaffen zu können, deren Charakter und Schicksal nachvollziehbar ist.“ Eine Rolle, durch die Mitterer einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, ist die des Kriminalkommissars Pfurtscheller in der Tatort-Reihe. Für ihn persönlich hat die Rolle aber genauso viele Licht– wie Schattenseiten: „Einerseits erreichte ich damit ein bestimmtes Maß an Popularität, andererseits wurde und werde ich in der Film- und Fernsehbranche zu sehr mit dieser Rolle typisiert. Sie war Fluch und Segen gleichzeitig.“

Als eine seiner besonders wichtigen Rollen sieht er nicht unbedingt die des Kommissars an, sondern die des Briefbombenattentäters Franz Fuchs. Über siebzig Mal versetzte er sich in im Ein-Mann-Stück „Der Patriot“ von Felix Mitterer in diese Rolle. Der eineinhalb Stunden lange Monolog verlangt einem Schauspieler sowohl körperlich, geistig und auch seelisch beinahe alles ab. “Umso wichtiger ist eine feinfühlige Regisseurin, in diesem Fall Klaudia Reichenbacher”, betont Mitterer. Eine „ehrenvolle“ Rolle war für ihn auch die Titelfigur in „Jakob der Letzte“, bei den Peter Rosegger Festspielen in der Steiermark. Mit dem jungen steirischen Regisseur Georg Schütki, den er dabei kennen und schätzen lernte, hat er seither bereits mehrere Projekte verwirklicht.

Der Autor

Alexander Mitterer hat ein großes Faible für Geschichte und für die Schaffenskraft von Persönlichkeiten, die ihr Genie der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Auch als Autor setzt er folglich auf historische Themen und Persönlichkeiten. In seinen Werken widmet er sich beispielsweise der Schauspielerin und Erfinderin Hedy Lamarr („Secret comunication – das Leben der Hedy Lamarr“), oder Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als Sissi („Das Sissi–Syndrom – eine Notverstaatlichung“). Auch das Thema der Moral und Ethik im Sinne des Kant’schen Imperativs ist für ihn wichtig – privat wie auch als Schöpfer seiner Werke.

Der Regisseur und Theatergründer

2004 gründete Alexander Mitterer zusammen mit der Schauspielerin, Regisseurin, Choreographin und Tänzerin Klaudia Reichenbacher das Theater Kaendace in Graz. Im April 2019 hat das Theater im ARTist‘s ein Zuhause – und damit eine „Brutstätte feiner Gedankengespinste“ – gefunden.

Nicht nur als Autor sondern auch als Regisseur ist Alexander Mitterer tätig. Neben dem Theater Kaendace etwa auch für das klagenfurterensemble oder das Theaterzentrum Deutschlandsberg. In seiner Arbeit als Regisseur steht für ihn am Anfang immer der Raum, in dem er seine Stückinszenierung spielen lässt, deshalb macht er meistens auch das Bühnenbild für seine Inszenierungen selbst. Sein Ziel ist es, die „größtmögliche Freiheit für die Spielfiguren in einem determinierten Raum zu ermöglichen“.

15.000 Apfelbäume und ein Blick in die Zukunft

Die letzten Monate waren für Alexander Mitterer – wie für fast alle freischaffenden Künstler – eine Zeit großer Einkommensverluste. Diese Verluste versucht er durch die Arbeit in einem Öko-Obstbaubetrieb abzufedern. „Gemeinsam mit meiner Freundin habe ich 15000 Apfelbäume in den letzten eineinhalb Monaten gesetzt“. Er genießt die schwere körperliche Arbeit und den Umstand, sich zwangsweise nicht ständig mit den Gedanken an sein „eigentliche Arbeit“ auseinandersetze.

Von Karriereplanung hält der Kunstschaffende ohnehin nichts. Er freut sich vielmehr auf Projekte, die in ihm ein Feuer entzünden. Und solche Projekte gibt es genügend: Für Ende Juni ist die Premiere von Gert Jonkes „Das Zimmer“ im ARTist’s Graz geplant. Anschließend soll er mit der Inszenierung der Uraufführung von „Queen Lear“ der Grazer Autorin Christine Teichmann beginnen, das Ende September beim Uraufführungsfestival von Theaterland Steiermark in Oberzeiring Premiere feiert und im Oktober im ARTist’s Graz zu sehen sein wird. Beides wird mit dem von ihm mitgegründeten Theater Kaendace produziert.

Auf ins Kino

Besonders freut er sich auf den slowenischen Kinofilm „ORKESTER“, den er im Dezember letzten Jahres drehte. „Es war eine dermaßen beglückende Arbeit mit einem grandiosen Regisseur (Mateus Luzar), wie ich es selten erlebt habe. Dieser Film ist ein hochkünstlerischer Road Movie über den Auftritt einer slowenischen Blasmusikkapelle in Österreich.“ Ein österreichischer Koproduktionspartner konnte von der Laibacher Produktionsfirma nicht gefunden, obwohl Regisseur Luzar sogar eine OSCAR–Nominierung vorzuweisen hat. „In Österreich gibt es leider immer noch dieses ‚Wir sind die Herrenklasse‘– Denken, was den Blick auf die ehemaligen Kronländer der Habsburger Monarchie betrifft. Ich glaube, dass wir in Österreich vielmehr Kooperation mit unseren östlichen und südlichen Nachbarn brauchen, einerseits, was künstlerische Qualität betrifft, andererseits, was die kompromisslose Herangehensweise und Haltung bei der Umsetzung eines Projektes betrifft.“ Jedenfalls freut sich  Alexander Mitterer auf eine hoffentlich baldige Premiere dieses Films.

Für die Zukunft wünschen wir ihm – und uns – noch viele Projekte, die sein Feuer entzünden!

alexandermitterer.at

www.theaterkaendace.at

Fotos: c Robert Fritz (derfritz.at)

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Author: Christian Handler

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